Christian Ude

Aus den „Wilden Kerlen“ wurden brave Buben

Von am 5. November 2016

Beitrag von Christian Ude zum Parteitag der CSU in der Abendzeitung vom 5. November 2016.

Die CSU, die sich früher manchmal wirklich wie ein bedrohlicher Halbstarker aufgeführt hat, ist ein ganz braver Bub geworden.

Hat sie bei der Regierungsbildung noch gesagt, ohne Pkw-Maut nur für Ausländer gehe gar nichts, sagt sie jetzt ganz bescheiden, eine Legislaturperiode lang sei es ohne doch auch ganz schön. Und auf dem Parteitag wird sie jubeln, dass sie für die Zukunft eine Maut versprechen darf, die gigantischen bürokratischen Aufwand erfordert, gerade von den vielgescholtenen Transitfahrern sehr viel weniger einbringt und überdies durchaus auch deutsche Autofahrer belastet.

Hat sie 2013 noch jeden als Landesverräter beschimpft, der beim Länderfinanzausgleich auf die nächste Verhandlungsrunde verwies und nicht sofort vor Gericht aussichtslos eine drastische Reduzierung erkämpfen wollte, ist sie jetzt überglücklich, in der regulären Verhandlungsrunde Verbesserungen ab 2019 erreicht zu haben – und der Freistaat wird dann ohne Murren jährlich über fünf Milliarden Euro zahlen (Wetten, dass..?).

Hat man in der Vergangenheit noch Angela Merkel eine „Herrschaft des Unrechts“ vorgeworfen, ist man jetzt wieder bereit, sie als Repräsentantin der Union zu plakatieren – natürlich nicht sofort, aber bald. Sogar Flüchtlinge sind wohlgelitten – solange sie nicht Fußball spielen und ministrieren.

Sehr brav, das alles. Da muss man dann auf dem Parteitag schon ein wenig wilder Mann spielen, um die Fangemeinde zu beruhigen, die aus den Bierzelten ganz andere Töne gewöhnt war.

Und für das soziale Profil hat Finanzminister Markus Söder gesorgt. Hätte er nicht ohne jeden Zwang über 30 000 Wohnungen des bayerischen Staates verscherbelt, um mit dem Erlös das Debakel der Bayerischen Landesbank ein wenig zu lindern, könnte die CSU jetzt nicht als warmherziger Mieterfreund auftreten und von den Städten lautstark verlangen, die Wohnungen für einen viel größeren Betrag von den Privaten für die öffentliche Hand wieder zurückzukaufen. So müssen zwar die Steuerzahler diese Wohnungen zwei mal bezahlen – aber der Heimatminister hat sichergestellt, dass diese Millionen und Abermillionen nicht in Neubauten fließen, die das Heimatgefühl beeinträchtigen könnten.

Abendzeitung

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